Miriams Lebensgeschichte

Eine junge Guatemaltekin erzählt

Meine Name ist Miriam und ich erzähle meine Geschichte, weil ich helfen möchte.

Ich bin die Tochter einer allein erziehenden Mutter mit 4 Kindern: meine große Schwester ist 31 Jahre alt, ich bin 29, mein Bruder 27 und meine kleine Schwester 25. Meine Mutter ist 49. Mein Vater hat uns verlassen, als ich ein Jahr alt war. Meine Eltern ließen sich scheiden, weil mein Vater meine Mama mit ihrer Schwester betrogen und eine gemeinsame Tochter mit ihr hat. Auch sie verließ er.

Ich habe sehr gelitten und nie verstanden, warum meine Mama mich immer so geringschätzig behandelt hat, bis ich mit 15 den Grund dafür erfuhr: Ich trage den Namen der Geliebten meines Vaters - Miriam. Nie hätte ich  geglaubt, dass meine Mutter mich deshalb so ablehnen könnte. Als ich ihr vorwarf, dass sie mich deshalb immer zurückgestoßen habe, schmiss sie mich aus dem Haus. Ich wusste nicht wohin. Aber ich ging, mietete eine Wohnung und fand Arbeit.

Eines Tages lernte ich einen jungen Mann kennen. Wir gingen miteinander aus und wurden ein Paar. Ich war furchtbar verliebt. Als ich von ihm schwanger wurde, zog er zu mir. Ich fühlte mich trotzdem allein - niemals hat meine Mama nach mir gesucht. Meine Beziehung gab mir auch keinen Halt. Er trank, und wenn er getrunken hatte, schlug und demütigte mich. Sein Kommentar: Ich sei nichts wert.

Die Tatsache, dass er studiert hatte und Karriere machte, während ich nur 6 Jahre die Schule besucht hatte, war ein Grund für ihn, mich zu schlagen - inzwischen auch vor unserem Sohn, der zunehmend  ängstlicher wurde. Für jede Kleinigkeit, die ihm nicht passte, gab’s Schläge.

Die Zeit verging. Ich blieb, weil ich keinen Zufluchtsort hatte. Das Ergebnis: Ich  wurde erneut schwanger. Meine Hoffnung, jetzt würde sich alles ändern, wurde rasch enttäuscht. Die Probleme stellten sich wieder ein. Ich hatte aufgehört, ihn zu lieben. Und so sagte ich ihm eines Tages, es sei besser, sich zu trennen. Ich wollte und konnte so nicht mehr weiterleben. Er drohte mir an, mich an dem Tag umzubringen, an dem ich ihn verlassen würde. Nie im Leben hatte ich so viel Angst, also blieb ich bei ihm. Mein Leben wurde zur Hölle - auf Schläge folgten Vergewaltigungen, wenn er Sex haben wollte. Er drohte mir, er würde mich schwängern, damit ich ihn nicht verlassen könne, und so wurde ich schwanger mit meiner Tochter. Als meine Tochter geboren wurde, veränderte sich der Alltag ein wenig. Aber schon nach drei Monaten fingen die Probleme erneut  an. Ich wollte nicht mehr mit ihm schlafen. Ich ekelte mich vor ihm, konnte seine Nähe nicht mehr ertragen. Meine frühere Liebe war mittlerweile in Hass umgeschlagen.

Es wurde schlimmer: Er schlug mich noch mehr, immer wenn er getrunken hatte. Er wurde zunehmend brutaler. Irgendwann  konnte ich nicht mehr. Obwohl ich große Angst hatte, vertraute ich mich meiner  großen Schwester an. Sie sagte mir ihre Unterstützung zu. Das baute mich auf. Sie ermutigte mich, sie beim nächsten Vorfall anzurufen. So vergingen drei Wochen, in denen er mich nicht anfasste. Ich begann zu bereuen, was ich getan hatte. Ich war zufriedener, weil ich glaubte, er habe sich verändert.

An einem Freitag kam er früh heim, schloss sich in seinem Zimmer ein und hörte Musik. Mein großer Sohn kam zu mir und sagte "Mamilein, geh schnell schlafen, weil mein Papa trinkt und ich will nicht, dass er dich wieder haut. Komm, Mamilein". Ich schlich unbemerkt  in mein Zimmer. Er kam rein und riss mich an den Haaren hoch. Meine Söhne versuchten mich zu beschützen und schrien. Zum ersten Mal wehrte ich mich und schlug zurück, aber er hörte nicht auf und prügelte mich aus dem Haus, nachts um 24 Uhr - zusammen mit meiner Tochter. Die Söhne solle ich vergessen, schrie er noch hinter mir her. In diesem Moment rief ich meine Schwester an. Polizei und Feuerwehr kamen, verschafften sich Zutritt zur Wohnung, um mir meine Kinder zu holen. Sie brachten uns alle in ein Krankenhaus. Er wurde eingesperrt. Am nächsten Tag war er wieder auf freiem Fuß ­ mit der Maßgabe, sich mir nicht zu nähern. Aber das war unmöglich. Er ließ mich nicht in Frieden . . .

Ich hatte weder Geld noch Arbeit. Ich verschuldete mich immer mehr: Ich hatte nichts zu essen für meine Kinder. Meine Söhne gingen zur Schule, ich musste Schulgeld zahlen, Miete, Wasser, Strom, so viele Kosten . . . Ich dachte, ich würde bei all den Schulden noch verrückt. Meine Söhne sprachen mit ihrem Vater vor der Schule. Er versprach ihnen viele schöne Dinge.

Und so kam es, wie es kommen musste: Eines Tages sagten sie zu mir, sie würden mich sehr lieben, aber  lieber mit ihrem Vater leben wollen. Das tat so unbeschreiblich weh. Aber ich wusste auch, dass sie bei ihm bessere Chancen hätten.

Der Tag kam: Er sagte zu mir, wenn ich ihm die Söhne gäbe, würde er mich fortan in Frieden lassen. Niemals hätte er um unsere Tochter gekämpft. Er ist ein Macho - für ihn bedeutet eine Frau nichts. Ich entschloss mich, meine Söhne zu ihrem Papa zu bringen. Das war nicht gerade leicht für mich, aber das Beste für sie. Es tat so schrecklich weh!

An dem Tag, an dem sie gingen, fiel ich in eine tiefe Depression. Drei Monate schloss ich mich ein – mit meiner Tochter. Aber dann sagte ich zu mir selbst,  so kann es nicht weitergehen. Schließlich habe ich eine Tochter, für die ich da sein muss. Ich versuchte, Arbeit zu finden. Doch ich fand keine. Ich hatte niemanden, der auf meine Tochter aufpasste. Ich konnte sie bei niemandem lassen, denn sie weinte ständig. Schließlich fand ich eine Arbeit – aber das Problem der Unterbringung meiner Tochter blieb.

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